Lemniskatische Konstante

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Die lemniskatische Konstante ist eine 1798 von Carl Friedrich Gauß eingeführte mathematische Konstante. Sie ist definiert als der Wert des elliptischen Integrals

ϖ=201dt1t4 = 2,62205 75542 92119 81046 48395 89891 11941 36827 54951 43162 … (Vorlage:OEIS)

und tritt bei der Berechnung der Bogenlänge der gesamten Lemniskate von Bernoulli auf. Derzeit (Stand: 18. Juli 2022) sind 1.200.000.000.100 Nachkommastellen der lemniskatischen Konstante bekannt. Sie wurden von Seungmin Kim berechnet.[1]

Bezeichnung

Die Lemniskatische Konstante ist das Verhältnis des Umfangs zum maximalen Durchmesser bei der Lemniskate von Bernoulli!

Gauß wählte für die lemniskatische Konstante bewusst die griechische Minuskel ϖ (gesprochen: Skript-Pi oder Varpi), eine alternative Schreibweise von π, um an die Analogie zum Kreis mit seinem halben Umfang

π=201dt1t2

zu erinnern. Den Ursprung dieser Bezeichnung bei Gauß klärte vermutlich zuerst Ludwig Schlesinger auf: Zunächst verwendete Gauß zur Bezeichnung der lemniskatischen Periode das Zeichen Π, und ab Juli 1798 verwendete er für diese Größe konsequent ϖ2.

Im Englischen findet sich für die Minuskel ϖ auch die (irreführende) Bezeichnung pomega, ein Kofferwort aus den Buchstabennamen für π und ω.

Im englischen Sprachraum wird

G=ϖ/π = 0,83462 68416 74073 18628 14297 32799 04680 89939 93013 49034 … (Vorlage:OEIS)

als Gaußkonstante bezeichnet.

Herleitung der Integraldefinition

Folgende kartesische Koordinatengleichung ist für die Lemniskate von Bernoulli mit der Brennweite f gültig:

(x2+y2)2=2f2(x2y2)

Daraus resultiert nachfolgende Parametergleichung für die Lemniskate mit dieser Brennweite:

x(t)=2fsin(t)cos(t)2+1y(t)=2fsin(t)cos(t)cos(t)2+1 mit  0t<2π

Für das gegebene Intervall von t wird die gesamte Kurve der Lemniskate genau einmal parametrisiert. Der Umfang wird durch Integration von denselben Grenzen für t von der Pythagoräischen Summe der ersten Ableitungen bezüglich t berechnet:

U=02π(ddtx(t))2+(ddty(t))2 dt=02π(ddt2fsin(t)cos(t)2+1)2+(ddt2fsin(t)cos(t)cos(t)2+1)2 dt=02π(2fcos(t)[3cos(t)2][cos(t)2+1]2)2+(2f[3cos(t)21][cos(t)2+1]2)2 dt=02π2fcos(t)2+1 dt=40π/22fcos(t)2+1 dt=40π/22fsin(t)2+1 dt=401[ddxarcsin(x)]2f1+x2 dx=4012f1x4 dx

Der maximale Durchmesser der Lemniskate von Bernoulli beträgt 22f und die lemniskatische Konstante ist als Quotient des Vollumfangs dividiert durch den maximalen Durchmesser definiert:

ϖ=U22f=20111x4dx

Eigenschaften

Eulersche Betafunktion

Mit der Eulerschen Betafunktion B und der Gammafunktion Γ gilt

ϖ=142B(14,14)=12B(14,12)=Γ(14)2/(22π).

Deswegen gilt auch das Folgende:

0ex4dx=π4ϖ224

Dirichletsche Betafunktion

Ebenso kann die lemniskatische Konstante mit der Ableitung der Dirichletschen Betafunktion auf folgende zwei Weisen dargestellt werden:

ϖ=π1/2exp[β(0)]
ϖ=21/2πexp[12γ2πβ(1)]

Das Kürzel γ drückt hierbei die Euler-Mascheroni-Konstante aus.

Dabei gilt nach der Abel-Plana-Formeldefinition für die Dirichletsche Betafunktion:

β(x)=12+0sin[xarctan(y)]2(y2+1)x/2csch(π2y)dy

Und somit gilt für die Ableitung der Dirichletschen Betafunktion:

β(x)=02arctan(y)cos[xarctan(y)]ln(y2+1)sin[xarctan(y)]4(y2+1)x/2csch(π2y)dy

Unendliche Summen

Gauß fand die Beziehung

ϖ=π/agm(1;2)

mit dem arithmetisch-geometrischen Mittel agm und gab auch eine schnell konvergierende Reihe

ϖ=π2k=0(2kk)2125k

mit Summanden der Größenordnung 1k2k an.

Außerdem erkannte Carl Friedrich Gauß folgenden Zusammenhang:

ϖ=4arcsl(12)+2arcsl(723)
ϖ=k=0(2kk)14k(4k+1)[4(12)4k+1+2(723)4k+1]

Dabei wird mit arcsl der Lemniskatische Arkussinus ausgedrückt.

Weitere Arcussinus-Lemniscatus-Summen von diesem Schema können so erzeugt werden:

ϖ=4arcsl(a)+2arcsl{tan[14π2arctan(a2)]} mit 0a1

Die Auswertung

ϖ=2k=0(2kk)1(4k+1)22k

des elliptischen Integrals ergibt eine ähnliche Reihe, die jedoch sehr viel langsamer konvergiert, da die Glieder von der Größenordnung 1k3/2 sind. Sehr schnell konvergiert die Reihe in

ϖ=π[k=(1)keπk2]2=π2[k=eπk2]2

mit Summanden der Größenordnung eπk2.

Auch sehr schnell konvergiert folgende Reihe:

ϖ=π2k=sech(πk)

Niels Nielsen stellte 1906 mit Hilfe der Kummerschen Reihe der Gammafunktion einen Zusammenhang mit der Eulerschen Konstante γ her:[2]

logϖ=12γ12log2+logπ+2πk=1(1)klog(2k+1)2k+1

Theodor Schneider bewies 1937 die Transzendenz von ϖ.[3] Gregory Chudnovsky zeigte 1975, dass Γ(1/4) und somit auch ϖ algebraisch unabhängig von π ist.[4][5]

Unendliche Produkte

Analog zum Wallisschen Produkt lassen sich für die lemniskatische Konstante folgende Produktreihen entwickeln:

ϖ=2k=0(4k+3)(4k+4)(4k+2)(4k+5)=2k=0(4k+2)(4k+4)(4k+1)(4k+5)

Folgende Produktreihen konvergieren sehr schnell:

ϖ=πk=1tanh(πk/2)2=π24k=1tanh(πk)2

Elliptische Integrale

Vollständige elliptische Integrale K und E

Lemniskatisch elliptische Integrale

Mit dem vollständigen elliptischen Integral erster Art lässt sich die lemniskatische Konstante auf verschiedene Weise darstellen:

ϖ=2K(12)=4(21)K[(21)2]=274(31)K[12(31)(234)]=
=8(2+1)2(241)2K[(2+1)2(241)4]=52(52)K[12(52)(3254)]

Die lemniskatische Konstante kann auch ausschließlich mit Ellipsenumfängen und somit mit elliptischen Integralen zweiter Art dargestellt werden:

ϖ=(2+2)E[(21)2]2E(12)=
=32(22+627434)E[12(31)(234)]12(334+27432)E(12)

Dabei ist E(k) das Verhältnis des Viertelumfangs zur längeren Halbachse bei derjenigen Ellipse, bei welcher die numerische Exzentrizität den Wert k annimmt.

Liste bestimmter elliptischer Integrale erster Art

Folgende weitere Integrale involvieren die lemniskatische Konstante:

011x4+1dx=ϖ22
011(1x4)3/4dx=ϖ2
011(1x2)3/4dx=ϖ
0sech(x)dx=ϖ
0π/2sec(x)dx=ϖ

Herleitung der elliptischen Integrale zweiter Art

Nach der Kettenregel gelten folgende vier Ableitungen:

ddx(01x1x4y4dy)=11x4
ddx(01x3y21x4y4dy)=x21x4
ddx{y2+12y2[artanh(y2)artanh(1x4y21x4y4)]}=x3(y2+1)(1x4)(1x4y4)
ddy[arctan(y)1y22yartanh(y2)]=y2+12y2artanh(y2)

Im Folgenden werden zwei Gleichungsketten synthetisiert und danach gleichgesetzt:

Der Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung wird auf folgende Weise angewendet:

01ddx(01x1x4y4dy01x3y21x4y4dy)dx=
=[01x1x4y4dy01x3y21x4y4dy]x=0x=1=
=0111y4dy01y21y4dy=ϖ201x21x4dx

Das Produkt folgender zwei Integrale lässt sich dann mit der Produktregel und dem Satz von Fubini auf folgende Weise umformen:

01ddx(01x1x4y4dy01x3y21x4y4dy)dx=
=01(11x401x3y21x4y4dy+x21x401x1x4y4dy)dx=
=0101x3(y2+1)(1x4)(1x4y4)dydx=0101x3(y2+1)(1x4)(1x4y4)dxdy=
=0101ddx{y2+12y2[artanh(y2)artanh(1x4y21x4y4)]}dxdy=
=01y2+12y2artanh(y2)dy=01ddy[arctan(y)1y22yartanh(y2)]dy=
=[arctan(y)1y22yartanh(y2)]y=0y=1=arctan(1)=π4

Denn nach der Regel von de L’Hospital gilt:

limy01y22yartanh(y2)=0
limy11y22yartanh(y2)=0

Durch Gleichsetzung der beiden aufgestellten Gleichungsketten folgt:

ϖ201x21x4dx=π4
01x21x4dx=π2ϖ

Liste bestimmter elliptischer Integrale zweiter Art

Aus dem soeben gezeigten Endresultat lassen sich folgende Integrale herleiten:

01x4+1(x2+1)2dx=142(ϖ+πϖ)
01x2(x4+1)3/2dx=π42ϖ
011(1x2)1/4dx=πϖ
0sech(x)3dx=πϖ

Weitere bestimmte elliptische Integrale

Diese beiden elliptischen Integrale dritter Art sind zueinander identisch:

0x2(x2+1)x4+1dx=01(x2+1)x4+1dx

In der Stammfunktion von der ersten Funktion bewirkt die Substitution von x durch die Kehrwertfunktion 1/x und die anschließende Negativsetzung die Bildung der Stammfunktion von der zweiten Funktion. Außerdem gilt folgende Aufsummierung:

0x2(x2+1)x4+1dx+01(x2+1)x4+1dx=01x4+1dx=ϖ2

Daraus folgt:

0x2(x2+1)x4+1dx=ϖ22
01(x2+1)x4+1dx=ϖ22

Wie bereits oben erwähnt ist diese Integralformel gültig:

Γ(54)=0exp(x4)dx=25/4π1/4ϖ1/2

Basierend auf dem Eulerschen Ergänzungssatz über die Gammafunktion hat folgendes Integralprodukt den nachfolgenden Wert:

[0exp(x4)dx][0x2exp(x4)dx]=π82

Im Zusammenhang mit der Gammafunktion gilt somit jenes Integral:

14Γ(34)=0x2exp(x4)dx=29/4π3/4ϖ1/2

Ellipsenumfang

Ellipse mit den Werten: a = √2b und U = (2ϖ + 2π/ϖ)b

Bei einer Ellipse, in welcher sich die größere Halbachse zur kleineren Halbachse in der Quadratwurzel aus Zwei verhält, nimmt das Verhältnis des Ellipsenumfangs zur kleineren Halbachse den Wert 2ϖ + 2π/ϖ an. Diese Tatsache wird im nun Folgenden bewiesen:

U/b=42E(12)=401(ddx22x2)2+1dx=4012x21x2+1dx=4011+x21x4dx=
=40111x4dx+401x21x4dx=2ϖ+2πϖ

Somit gilt für diese Ellipse:

U=(2ϖ+2πϖ1)a=(2ϖ+2πϖ1)b

In dieser Tabelle werden mehrere Ellipsen mit ihren Umfangsverhältnissen aufgelistet:

Kleinere Halbachse/Größere Halbachse Umfang/Größere Halbachse
122 2ϖ+2πϖ1
224(21) 2ϖ+2(21)πϖ1
213/8(2+1)5/2(241)2 2(2+1)2(241)ϖ+2(2+1)2(241)2πϖ1

Siehe auch

Literatur

  • Theodor Schneider: Einführung in die transzendenten Zahlen. Springer-Verlag, Berlin 1957, S. 64.
  • Carl Ludwig Siegel: Transzendente Zahlen. Bibliographisches Institut, Mannheim 1967, S. 81–84.
  • John Todd: The Lemniscate Constants. Institute of Technology, Kalifornien 1975
  • A. I. Markuschewitsch: Analytic Functions. Kapitel 2 in: A. N. Kolmogorov, A. P. Juschkewitsch (Hrsg.): Mathematics of the 19th Century. Geometry, analytic function theory. Birkhäuser, Basel 1996, ISBN 3-7643-5048-2, S. 133–136.
  • Jörg Arndt, Christoph Haenel: π. Algorithmen, Computer, Arithmetik. 2. Auflage, Springer, 2000, S. 94–96 (hier ist die griechische Minuskel ϖ typographisch korrekt wiedergegeben)
  • Steven R. Finch: Gauss’ Lemniscate constant, Kapitel 6.1 in Mathematical constants, Cambridge University Press, Cambridge 2003, ISBN 0-521-81805-2, S. 420–423 (englisch)
  • Hans Wußing, Olaf Neumann: Mathematisches Tagebuch 1796–1814 von Carl Friedrich Gauß. Mit einer historischen Einführung von Kurt-R. Biermann. Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schuhmann. Durchgesehen und mit Anmerkungen versehen von Hans Wußing und Olaf Neumann. 5. Auflage, 2005, Eintrag [91a].

Einzelnachweise

  1. Vorlage:Internetquelle
  2. Niels Nielsen: Handbuch der Theorie der Gammafunktion. Teubner, Leipzig 1906, S. 201 (der korrekte Faktor vor der Summe ist 2/π statt 2)
  3. Theodor Schneider: Arithmetische Untersuchungen elliptischer Integrale (11. März 1936), Mathematische Annalen 113, 1937, S. 1–13
  4. G. V. Choodnovsky: Algebraic independence of constants connected with the functions of analysis, Notices of the AMS 22, 1975, S. A-486 (englisch; vorläufiger Bericht)
  5. Gregory V. Chudnovsky: Contributions to the theory of transcendental numbers, American Mathematical Society, 1984, ISBN 0-8218-1500-8, S. 8 (englisch)