Stationarität (stationäre Präferenz)
Stationarität spielt eine wesentliche Rolle im Rahmen rationaler intertemporaler Entscheidungen.[1] In diesem Zusammenhang muss die Entwicklung bzw. Veränderlichkeit von Präferenzen im Zeitablauf berücksichtigt bzw. ausgeschlossen werden.
Notation
Zur Erklärung wird folgende Notation verwendet:
- Es existiert eine endliche Menge, bekannter Perioden mit .
- Die Menge ist durch die drei Alternativen definiert. Jede Alternative wird durch einen Ergebnisvektor beschrieben, so z. B. , wobei das Ergebnis der Periode beschreibt.
- Die Menge mit beschreibt die bekannten Ergebnisse, die in der Periode mit Sicherheit aus den verschiedenen Alternativen resultieren. Für folgt z. B.: . bezeichnet die Menge der Ergebnisse der Alternativen in der Periode 1, ist die Menge der Ergebnisse der Alternativen der Periode 2 usw.
- Die Präferenzrelation liegt demzufolge auf dem kartesischen Produkt .
- Die Festlegung der Präferenzen des Akteurs und damit die Entscheidung für eine der Alternativen wird zu verschiedenen Zeitpunkten mit möglich. Der Zeitpunkt stellt die Gegenwart dar.
- Die zum Zeitpunkt geäußerte Präferenzrelation erhält die Notation . Wird die Präferenz in der Gegenwart abgefragt, folgt: .
- Unabhängig vom relativen zeitlichen Abstand zwischen zwei Ergebnissen kann der absolute Abstand dieser Ergebnisse zum heutigen Zeitpunkt verändert werden. Dazu werden die Ergebnisse gemeinsam um denselben Zeitraum in die Zukunft verlagert, wobei . Dies wird notiert mit: , usw.
- Weiterhin ist es denkbar, dass auch der Zeitpunkt für die Äußerung der Präferenzen und damit für die Entscheidung in die Zukunft verschoben wird. Legt der Akteur in seine Präferenzordnung fest, gilt: , für einen späteren Zeitpunkt gilt: mit .
- Wenn Präferenzen vorliegen, die im Zeitablauf mehrfach geäußert bzw. abgefragt werden, so folgt die Präferenzordnung: .
Eigenschaften der Stationarität, Zeitkonsistenz sowie Zeitinvarianz
Es werden folgende drei wichtige Eigenschaften von intertemporalen Präferenzrelationen beschrieben:
- Stationarität,
- Zeitkonsistenz sowie
- Zeitinvarianz.
Die Stationarität wird in der folgenden Definition beschrieben.[2]
Die Entscheidung in über die beiden Alternativen darf nur von der Höhe der Zahlungen und sowie von der relativen Zeitdistanz zwischen diesen Zahlungen abhängen. Hingegen darf die Entfernung dieser Zeitdistanz vom heutigen Entscheidungspunkt keine Rolle bei der Entscheidung spielen.
Es wird gefordert, dass der Akteur im Entscheidungszeitpunkt, also in , die Präferenzen über zukünftige Entscheidungen in dem Sinne ordnet, dass es unerheblich ist, wie weit die Ereignisse in der Zukunft liegen. Das Beispiel 1 erläutert die Eigenschaft.[3]
Für die Entscheidung soll ausschließlich die Zeitdifferenz zwischen den Ergebnissen relevant sein.
Eine weitere Eigenschaft von Präferenzen ist Zeitkonsistenz (vgl. Definition 2).[4] Die Beziehung zwischen den Präferenzen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ist konsistent, wenn eine ursprünglich (also in ) als optimal identifizierte Alternative auch später (also in ) weiterhin optimal bleibt.
Eine Änderung des Betrachtungszeitpunktes von zu führt zu keiner Änderung der Präferenzordnung. Einmal festgelegte – möglicherweise jedoch unangenehme – Aktivitäten werden nicht aufgeschoben, wenn der ursprünglich dafür geplante Zeitpunkt eintritt. Wenn der Akteur heute festlegt, dass morgen Aufräumen besser ist als Nicht-Aufräumen, so muss diese Reihung auch morgen Bestand haben. Ein Aufschieben unangenehmer Tätigkeiten existiert bei zeitkonsistenten Präferenzen nicht. Diese grundlegende Anforderung an rationale intertemporale Präferenzen wurde frühzeitig formuliert.[5] Das Beispiel 2 erläutert die Eigenschaft der Zeitkonsistenz.[6]
Der wesentliche Unterschied zwischen Zeitkonsistenz und wechselseitiger Unabhängigkeit ist folgender: Die Unabhängigkeit der Präferenzen wird zu einem Zeitpunkt (i. d. R. ) beurteilt. Bei der Zeitkonsistenz hingegen werden die Präferenzen aus zwei unterschiedlichen Zeitpunkten miteinander verglichen.
Letzte Eigenschaft ist die Zeitinvarianz (vgl. Definition 3).[7]
Bei Zeitinvarianz werden sowohl der Beurteilungszeitpunkt, als auch die Ergebnisse selbst in die Zukunft verschoben. Jeweils zwei der drei Eigenschaften Stationarität, Zeitkonsistenz und Zeitinvarianz implizieren die dritte Eigenschaft.[8] So führt z. B. die Verbindung von Zeitkonsistenz und Zeitvarianz zur Stationarität. Bei der Stationarität wird der Betrachtungs- bzw. Entscheidungspunkt fixiert und es wird der Zeitpunkt der Ereignisse variiert. Im Fall der Zeitkonsistenz hingegen wird der Zeitpunkt des Eintritts der Ereignisse fixiert und der Betrachtungszeitpunkt wird variiert. In beiden Fällen wird der relative Abstand zwischen Entscheidungs- und Eintrittszeitpunkt verändert. Die Präferenzrelation sollte trotzdem unverändert bleiben. Die Präferenz wird durch das Stationaritäts-Axiom quasi für die gesamte betrachtete Zeit eingefroren.
Einzelnachweise
Literatur
- Yoram Halevy (2015): Time consistency: stationarity and time invariance. In: Econometrica, 83 (1): 335–352.
- Tjalling Charles Koopmans: Stationary ordinal utility and impatience. In: Econometrica, 1960, 28 (2): 287–309.
- Antony Millner und Geoffrey Heal (2018): Time consistency and time invariance in collective intertemporal choice. In: Journal of Economic Theory, 176 (July): 158–169.
- David Müller: Investitionscontrolling: Entscheidungsfindung bei Investitionen II: Entscheidungstheorie. 3. Aufl., Berlin u. a., Springer Gabler, 2022, ISBN 978-3-658-36597-4.
- Robert Henry Strotz: Myopia and inconsistency in dynamic utility maximization. In: The Review of Economic Studies, 1955/56, 23 (3): 165–180.